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Menschenlesen #3 - Ein Monolog

Vincent Van Gogh, geboren 30.3.1853, gestorben 29.07.1890, ein niederländischer Maler und Grafiker, war einer aus jener "Gruppe", die nicht so wirklich ihren Weg in die Gesellschaft gefunden haben.
Aus seinen Hinterlassenschaften lässt sich schließen, dass er sich unverstanden fühlte und mit der Schnelllebigkeit des sich modernisierenden Europas nicht umgehen konnte. In Anlehnung an seine Biographie habe ich einen Monolog geschrieben.
Viel Spaß damit.
(Szene: Vincent steht auf der Hauptstraße seiner Geburtsstadt Groot-Zundert und betrachtet das Treiben um sich herum, ohne sich zu rühren. Voll Unverständnis hebt er den Bleistift zu dem Block in seiner Hand, lässt ihn jedoch sofort wieder sinken.)
Vincent (zu sich selbst): Sie fliegen vorbei. Gesichter im Halbschatten. Wie Portraits. Wie Landschaftsmalereien, die sich jedes Mal verändern, wenn man sie ansieht. Rahmenlos, frei hasten sie alle durch mein Sichtfeld. Am toten Punkt verschwinden sie.
Je mehr ich versuche, sie anzusehen, in allen Details wahrzunehmen, je länger ich versuche, ein Gesicht zu fixieren, desto vager werden sie. Das Licht wirft Schatten auf die Gesichter, doch die Gesichter fliegen davon.
Die Schatten zeichnen Muster auf die Gesichter, sie zeichnen Geschichten, zeichnen Schönheit. Die Augen erzählen die Geschichten, die die Schatten zeichnen. Die Augen erzählen alles über die Gesichter, aber die Gesichter verstecken die Augen. Hinter Sonnenbrillen, durch Blinzeln, man schaut sich nicht in die Augen.
Nur die Kinder sind anders. Ihre Gesichter sind hell und offen, die Augen lassen sich fesseln vom Verbotenen und Unbekannten, bis sie es verstanden haben. Der Blick eines wahren Künstlers ist der eines Kindes.
Die Erwachsenen rauschen vorbei wie die Fledermäuse, gefangen in Pflichten, Fleiß und Moral, verängstigt vom Versagen, vom Verschwimmen einer Gelegenheit. Doch was man in all ihren Augen sehen kann, ist die Angst davor, dass jemand ihre Geschichte sieht. Dass man sie sieht und ihr Schicksal erkennt.
Es sind diese kurzen Augenblicke, in denen die Menschen einem ins Gesicht sehen und versuchen zu verstehen, warum man sie anstarrt. Wenn ihr Verstand begreift, dass sie einen noch nie gesehen haben und sie weiterhasten aus Angst davor, durchschaut zu werden. Und das dauert genauso lange, wie meine Augen brauchen, um zu erkennen, dass in einem Punkt alle Menschen gleich sind: Sie wollen namenlos bleiben, inkognito, um sich nicht verletzbar zu machen. Einmal nur wünsche ich mir, alle Menschen ließen ihre Schutzschilde sinken, nur einen Augenblick lang. Dann würde die Welt endlich so bunt wie die der Maler. Vielleicht würde es sich besser anfühlen als alles andere, wenn man sich einander zeigen könnte. Vielleicht.
Wenn ich sehe, wie die Menschen den Schleier vor ihren Augen herablassen, wie sie ihre Mauern bauen und einander belügen, in den Augenblicken, wenn sie sich selbst beschützen, dann werde ich traurig. Es ist viel leichter, einen Menschen zu verletzen, den man nicht kennt. Aber es ist auch viel leichter, jemanden zu belügen, der einem egal ist. Also muss einem Menschen sein Nächster möglichst egal sein.
Es ist so leicht, ein Gesicht verschwinden zu lassen.
Menschen verlieren sich aus den Augen, und jeder Schatten zeichnet ein neues Muster auf ihr Gesicht und einen neuen Satz in ihre Geschichte.
29.9.14 21:45
 


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